Ein Brettspiel in der Welt des englischen Landadels: „Obsession“
Als ich auf der Suche nach einem passenden Solospiel für mich war, stieß ich auf YouTube auf ein Video zu “Obsession”* und war sofort angetan. Das Thema sprach mich direkt an: Es gilt, einer Familie aus dem etwas heruntergekommenen englischen Landadel zum gesellschaftlichen Aufstieg zu verhelfen. Hierzu erweitert man unter anderem das eigene Landgut, steigert sein Ansehen und versucht, die Gunst der begehrten Fairchild-Erben zu gewinnen.
Woher die Inspiration für das Spiel kommt, zeigt sich am Namen der großen Erweiterung “Upstairs, Downstairs”. So heißt die Serie “Das Haus am Eaton Place” im Original. Sie gilt als Vorläufer der Erfolgsserie “Downton Abbey”.
Gäste einladen und das Landgut ausbauen
Darum geht es im Kern in den Spielzügen von “Obsession”. Zu Beginn verfügt man über je ein Plättchen aus den Kategorien Herrenhaus, Dienst, Anwesen, Prestige und Sport, einen Grundstock an Bediensteten, die Karten der eigenen Familie sowie zwei einfache Gäste. In jeder Runde wählt man eine Aktivität aus und lädt Gäste dazu ein. Hierzu braucht es verfügbare Bedienstete, teils für die Aktion an sich, teils auch, um die geladenen Adeligen zu umsorgen. Anschließend erhält man verschiedene Boni. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Ansehen, Geld oder neue Gästekarten. Schließlich wählt man auf dem Handwerksmarkt ein Plättchen aus, sofern man sich eines leisten kann.
Im Solomodus wird anschließend noch ausgewürfelt, welches Plättchen vom Markt verschwindet. Ansonsten hat man mit der “Gegnerfamilie” nur in den Werbungsrunden zu tun. Diese unterscheiden sich im Ablauf von den anderen Spielrunden. Anstatt Aktivitäten auszuführen und Gäste zu laden, wird hier die Interessenskarte der Fairchild-Erben aufgedeckt. Anschließend vergleicht man die eigenen Punkte in der betreffenden Kategorie mit denen auf der Gegnerkarte. Hat man diese Punktzahl übertroffen, erhält man Siegpunkte und darf sich bis zum nächsten Werben eine der beiden Fairchild-Karten nehmen, die gute Boni mit sich bringen.
Beim Spiel mit anderen ist die Interessenskarte im Standardspiel offen, im Solospiel wird sie hingegen verdeckt. So kann es passieren, dass man viel Geld in die Außenanlagen seines Anwesens investiert, dann aber feststellen muss, dass sich die Fairchilds viel mehr für das hübsche Innere eines Herrenhauses interessieren.
Ich werde zu einer Mischung aus Lady Grantham und Emma Woodhouse
Oft stelle ich mir tatsächlich vor, als gestandene Lady die Geschicke meiner Familie zu lenken. Ich mag es, mir beim Spielen kleine Geschichten auszudenken, etwa ein Streitgespräch mit der Tochter des Hauses, wenn ich mir den Ansehensbonus holen will, den ich bekomme, wenn sie etwas mit einem männlichen Prestige-Gast unternimmt, die verfügbaren Gäste aber nicht gerade nach amüsanter Gesellschaft aussehen. Die Emma in mir kommt zum Vorschein, wenn ich beispielsweise versuche, den schwermütigen, reichen jungen Mann mit der armen, jungen Frau mit dem sonnigen Gemüt zusammenzubringen. Daraus könnte ja vielleicht eine Verbindung zum beiderseitigen Vorteil entstehen.
Die Texte auf den Gästekarten sind zwar kurz, reichen mir aber, um meine Fantasie spielen zu lassen. Überhaupt ist “Obsession” das Spiel, das ich am meisten zelebriere. Zu Beginn der Partie koche ich mir eine schöne Tasse Earl Grey oder Rosentee und schalte eine passende Playlist an, etwa den Soundtrack von “Downton Abbey”. Während des Spiels schlüpfe ich in verschiedene Rollen wie die der Hausherrin, die einen unwillkommenen Gast verabschiedet. Wie im echten Leben, begegnet man auch in “Obsession” nicht nur guten Menschen. Wer einen Schuft auf der Hand hat, sollte ihn möglichst bald wieder loswerden, nicht nur, um junge Damen vor ihm zu bewahren, sondern auch, um Minuspunkte zu vermeiden. “Sie sind in diesem Haus nicht mehr willkommen. Guten Tag, Sir!”
Mit “Upstairs, Downstairs” kommt ein völlig neuer Solomodus
Die “Landgut-Herausforderung” hat ihre eigenen Regeln und erfordert eine andere Strategie. Während man im Standardspiel nur ein Plättchen pro Runde kaufen darf, gilt hier: Kauf, so viel Du willst, solange Du es Dir leisten kannst. Werbungsrunden gibt es nicht, um die Fairchilds dürfen sich andere kümmern. Stattdessen geht es darum, das eigene Landgut gleichmäßig auszubauen und die höchste Ansehensstufe zu erreichen. Je schneller einem das gelingt, umso besser. Die Zahl der Runden ist hier nicht festgelegt, doch wenn man besonders schnell ist, gibt es Bonuspunkte. Lässt man sich zu lange Zeit, sammelt man Minuspunkte. Diese steigen mehr und mehr an und machen es somit irgendwann fast unmöglich, das Punktziel noch zu erreichen.
Inzwischen wechsle ich zwischen beiden Varianten ab. Sie machen mir gleichermaßen Spaß und sind beide auf ihre Weise herausfordernd. Derzeit verzweifle ich ein wenig an einer Gegnerfamilie im erweiterten Spiel mit der “Upstairs, Downstairs”-Erweiterung. Oft war ich nah an einem Sieg, erringen konnte ich ihn bislang nicht. Aber ich gebe nicht auf. Zieht euch warm an, ihr Warleggans, denn eines Tages, das schwöre ich bei meiner Ehre, wird Claudia Grantham-Woodhouse euch bezwingen!
*Die Verlinkung erfolgt zu informativen Zwecken, es besteht keinerlei Kooperation.
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