Dieses Buch hätte ich mit 16 gebraucht: „Loveless“ von Alice Oseman
Das hier ist keine klassische Rezension. Vielmehr geht es darum, was mir dieses Buch bedeutet und wie es mit meiner eigenen asexuellen und aromantischen Identität verbunden ist. Es ist vielleicht nicht die beste Geschichte, die ich jemals gelesen habe, aber eine, die mir etwas gibt, das mir nur wenige Bücher vermitteln können: das Gefühl, wirklich verstanden zu werden.
Ich wünschte, ich hätte “Loveless” früher gekannt
Am besten rund zwanzig Jahre früher, denn auf den Begriff Asexualität stieß ich erst mit etwa Mitte 30. Natürlich wusste ich schon vorher irgendwie, dass ich in dieser Hinsicht anders ticke. Es gibt durchaus Menschen, die ich attraktiv finde, aber auf einer rein ästhetischen Ebene. Ich will sie nicht anfassen, und ich will sie schon gar nicht küssen.
Georgia, die Hauptfigur von "Loveless", will das auch nicht. Das merkt sie allerdings erst so richtig, als es zu einem Kuss mit einem Mitschüler kommt, den sie mal als ihren Schwarm genannt hat – allerdings eher aus Verlegenheit. Der Moment ist nicht wie in den romantischen Komödien, die Georgia gerne mag, ganz und gar nicht. Sie fühlt sich angeekelt, und das einzige starke Gefühl, das ihr erster Kuss bei ihr auslöst, ist ein Fluchtreflex.
Danach folgt eine Phase der Verwirrung und Orientierung
Georgia stellt fest, dass sie tatsächlich noch nie verliebt war und fragt sich, ob das für immer so bleiben wird. Zunächst hadert sie damit, schließlich mag sie romantische Geschichten und dachte lange, dass sie so ein Happy End auch für sich will. Sie startet auch einen Versuch, der geht jedoch gehörig schief. Gefühle lassen sich nun mal nicht erzwingen, und wenn man es versucht, wird mitunter jemand verletzt.
Ihr Mentor Sunil hilft ihr, Klarheit zu finden. Durch ihn kommt sie erstmals mit den Begriffen Asexualität und Aromantik in Berührung. Je mehr sie sich damit beschäftigt, umso klarer wird Georgia, dass sie sich in beidem wiederfindet. So geht es mir auch, wobei die Entdeckung der Asexualität der wichtigere Schlüsselmoment war. Davor dachte ich immer, dass etwas mit mir nicht stimmt.
Ich hatte Beziehungen, aber irgendetwas, das ich damals nicht definieren konnte, hat sich immer falsch angefühlt. Und ich hatte Sex, ohne Lust darauf zu haben, weil der nun mal zu Partnerschaften gehört. Für mich war es immer eine lästige Pflicht, die ich mir selbst auferlegt hatte, denn keiner meiner Partner hat mich je zu etwas gedrängt. Ich habe mich freiwillig darauf eingelassen und dachte mir, dass ich irgendwann schon herausfinden würde, was der Rest der Welt so toll daran findet. Nur dass “irgendwann” nie kam. Im Grunde waren meine Beziehungen also eine Art Schauspiel, nicht nur vor anderen, sondern vor mir selbst. Ich habe versucht, in die Rolle einer Person zu schlüpfen, die ich nicht war.
Bücher wie “Loveless” sind wichtig
Asexualität und Aromantik sind immer noch relativ wenig bekannt. Auch ich hatte bis weit in mein drittes Lebensjahrzehnt hinein nichts davon gehört. Daher habe ich lange gedacht, dass irgendetwas falsch mit mir ist. Alle Welt will Sex, warum ich nicht? Zu erfahren, dass es Asexualität gibt und dass es keine Störung ist, hat mir sehr geholfen, mit mir ins Reine zu kommen. Ich würde sogar sagen, es war eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Lebens. Nachdem ich angefangen hatte, zu recherchieren und mich mehr mit Asexualität zu befassen, hat sich mein Verhältnis zu mir selbst verändert.
Ich fand mich lange Zeit nicht liebenswert
Das war auch der Hauptgrund dafür, dass ich Beziehungen hatte. Mein Beziehungsmuster war immer ähnlich: Es waren Männer, die ich vorher schon kannte und denen ich vertraute. Wenn dann im Raum stand, dass auf der anderen Seite Gefühle waren, gab es erst einen Moment der Abwehr, kurze Zeit später glaubte ich aber, ich sei verliebt. Ja, ich denke wirklich, ich glaubte es nur oder versuchte, es mir einzureden. Ich hing nämlich lange an einem fatalen Glaubenssatz fest. Da es mir an Selbstbewusstsein und Selbstliebe mangelte, dachte ich lange, einen Partner zu haben würde mich irgendwie validieren. Wenn jemand mich will, kann ich ja nicht so verkehrt sein. Ich sehnte mich also nicht wirklich nach einer Beziehung, sondern nach dem Gefühl, für gut genug befunden zu werden. Nur habe ich das damals nicht verstanden.
Nachdem ich an mir gearbeitet und Selbstvertrauen aufgebaut hatte – teils auch mit therapeutischer Hilfe – verschwand jedes Bedürfnis, eine Partnerschaft einzugehen. Ich brauche niemanden mehr, der mir bestätigt, dass ich liebenswert bin, das kann ich inzwischen selbst. Dass ich seither nicht mal ansatzweise an eine Beziehung gedacht habe, auch an keine asexuelle, bestätigt mich darin, dass dieses seltsame Gefühl, das ich in Beziehungen immer hatte, mit meiner aromantischen Veranlagung zu tun hat.
Georgia ist für mich wie eine Seelenverwandte
Ihre Geschichte ist eine andere, aber es gibt Parallelen zu meiner und ich kann ihre Gefühlswelt sehr gut nachvollziehen. Alice Oseman verarbeitet in dem Buch eigene Erfahrungen, und das merkt man auch. Ich fühlte mich beim Lesen gesehen und verstanden – ein Gefühl, das ich nur selten bei der Lektüre habe.
Deshalb sage ich auch immer, dass es das Buch ist, das ich mit 16 gebraucht hätte. Vielleicht hätte es mir so manchen Irrweg erspart, wenn ich früher gewusst hätte, dass Asexualität existiert. Und ich hoffe wirklich, dass "Loveless" genau den jungen Menschen in die Hände fällt, die verwirrt sind und sich fragen, was falsch mit ihnen ist, weil sie so gar nicht nachvollziehen können, warum alle anderen so wild auf dieses ganze Geknutsche und Gefummel sind. Mit euch ist gar nichts falsch. Ihr seid genau richtig.
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