Würdest Du wissen wollen, wie lange Du lebst? – “Die Vorhersage” von Nikki Erlick
Stell Dir vor, Du findest vor Deiner Tür eine Box, in der sich Dein Lebensfaden befindet. Du kannst ihn messen und so herausfinden, wie lange Du leben wirst, nicht auf den Tag genau, doch auf einen eingeschränkten Zeitraum hin bestimmbar. Würdest Du die Box öffnen? Und wenn ja, wie würde sich Dein Leben ändern, wenn Du weißt, ob es kurz oder lang sein wird?
Diese Fragen wirft “Die Vorhersage” von Nikki Erlick auf. Eines Tages erhalten alle Erwachsenen auf der ganzen Welt aus dem Nichts eine solche Box. Auch danach erscheinen neue Boxen, und zwar immer, wenn jemand 22 wird. Warum gerade das die Altersgrenze ist und woher die Boxen kommen, weiß niemand.
Anfangs versteht auch keiner so wirklich, was sie bedeuten und wie ernst sie zu nehmen sind, doch bald zeigt sich: Die Fadenlänge scheint sehr zuverlässig zu sein. Daraus ergeben sich neue Herausforderungen, sowohl für die einzelnen Personen als auch für die Gesellschaft.
Die Politik geht sehr unterschiedlich mit den Boxen um
In einem Land wird den Bürgern das Öffnen verboten, in einem anderen die Offenlegung des Fadens zur Pflicht. Ein Präsidentschaftskandidat macht seinen langen Faden sogar zum entscheidenden Argument, denn warum sollte man jemanden wählen, der vielleicht nicht mal seine Amtszeit übersteht? Bald kommt es zu den ersten Einschränkungen für die sogenannten “Kurzfäden”. Dies führt dazu, dass zwei junge Soldaten ihre Fäden tauschen, bevor sie diese präsentieren müssen. Der eine hat einen langen Faden, ist aber nur wegen seiner Familie in der Armee, der andere hat einen kurzen und sieht sich im Kriegsdienst am richtigen Ort, dürfte diesen mit seiner Lebenserwartung jedoch nicht mehr antreten.
Maura und Nina stehen vor einer ganz anderen Herausforderung: Sie hatten eigentlich ein langes, gemeinsames Leben geplant, doch die sehr unterschiedliche Länge ihrer Fäden zeigt ihnen, dass die gemeinsame Zeit kürzer sein wird als erhofft – und dass eine von ihnen alleine zurückbleiben wird.
Die Fragen finde ich fast spannender als den Plot
Ich liebe Geschichten, die nicht nur unterhaltsam sind, sondern mich auch zum Nachdenken anregen. Dies gelingt dem Buch unter anderem durch die Schicksale verschiedener Charaktere, die nach dem Auftauchen der Boxen mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen haben. Manche halten ihre Box geschlossen, andere müssen damit zurechtkommen, was sie darin vorgefunden haben – nicht zwingend nur in der eigenen Box, denn es kommt auch vor, dass jemand einen Blick in die eines anderen wirft. Wie geht man mit so einem Vertrauensbruch um? Was verändert sich in einer Beziehung, wenn man weiß, dass man eine sehr unterschiedliche Lebenserwartung hat? Und was macht man mit dem Wissen, wie lang man leben wird?
Solche Fragen finde ich sehr interessant, daher funktioniert "Die Vorhersage" für mich vor allem als Gedankenspiel. Das Buch gefällt mir besonders gut, wenn es ethische Fragestellungen und gesellschaftliche Herausforderungen aufgreift. Die Geschichten der Charaktere finde ich teilweise spannend, teils habe ich sie jedoch eher überflogen, besonders zum Ende hin. Neben den bereits erwähnten Soldaten und Nina und Maura gibt es noch mehrere weitere Figuren, die im Fokus der Handlung stehen. Einerseits finde ich das gut, da so mehr Facetten der Boxen-Problematik gezeigt werden können. Andererseits führt dies dazu, dass die Figuren selten bis in die Tiefe ausgeleuchtet werden. Das finde ich bei "Die Vorhersage" allerdings nicht schlimm, da es für mich ohnehin weniger über die Einzelschicksale und mehr über die aufgeworfenenen philosophischen Fragen funktioniert.
Was bleibt, ist die Frage: Würde ich meine Box öffnen?
Darüber denke ich seit der Lektüre immer wieder nach. Zu einer klaren Antwort bin ich bislang nicht gekommen. Würde es mich belasten, einen kurzen Faden zu finden? Könnte ich das Leben dann mehr genießen oder hätte ich eher Angst vor dem nahen Ende? Ich weiß es nicht, aber ich finde es spannend, mich gedanklich damit auseinanderzusetzen, ohne zwingend zu einem Ergebnis kommen zu müssen. Daher bin ich dankbar dafür, dieses Buch entdeckt zu haben. Auch wenn es für mich die eine oder andere Länge hatte, war “Die Vorhersage” ein lohnenswertes Leseerlebnis.
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